Kulturica | Zwischenstation Großstadt
 

Zwischenstation Großstadt

Frankfurt zu Füßen

Zwischenstation Großstadt

Von den Weinbergen zum Asphalt – Eine wehmütige, aber lehrreiche Kolumne

Die Hälfte meines Lebens habe ich in der Pfalz verbracht, oder zumindest in dem Gebiet der saftigen Weinberge – wo der Wein in Massen fließt und das Gras irgendwie doch ein bisschen grüner ist. Wo das Leitungswasser nicht verkalkt ist und die Zäune weiß sind wie in einem David-Lynch-Film.
 
Und jetzt bin ich doch tatsächlich in der Großstadt gelandet. Ich weiß noch, wie ich ihm Auto saß, am Tag des großen Umzuges in die Weltstadt, und in den graublauen Himmel hinaufblickte. Mainhattan, wie man unwissend-leicht daher sagt. Ich blickte mit meiner Bücherkiste auf dem Schoß nach draußen und dachte: “Ja, das wird dein neues Leben. Das wird gut. In dieser Stadt wirst du dich pudelwohl fühlen.” Und während wir so im Stau steckten und uns schleichend und ruckelnd wie schwerbelastete Termiten in der Innenstadt fortbewegten, mit gefühlt einem Zentimeter pro Stunde, da verstand ich zumindest, wie man auf den Vergleich zu New York City kam.
 
Hotels bauten sich wie große, graue Wellen vor meinen Augen auf, ehrfurchteinflößend, aber auch einfach viel zu groß. Ich bin des Surfens nicht mächtig, aber jetzt wird von mir verlangt, mit wackligen Beinen durch die Straßen der Stadt zu surfen. In meiner Bücherkiste finden sich alle möglichen Romane, aber das Buch über Modernisierungstheorien aus den Zeiten meines Literaturstudiums habe ich natürlich nicht dabei. So eine Großstadt ist für ein kleines Landei, wie ich eines bin, schon nicht so schwer zu verdauen. Aufgewachsen bin ich in einem idyllischen Dorf mit zweihundert Seelen, wo jeder jeden kannte und jeder über jeden tratschte. Dann zog ich erst in die Pfalz und zum Studieren nach Heidelberg, wo die Studenten das Sagen haben und eine Kulturveranstaltung die nächste jagt. Doch auch da fehlte mir nach rund sechs Jahren ein Stückchen anonyme Freiheit. Ganz gleich, wann ich im Aldi meine Kekse kaufte – immer traf ich auf einen Bekannten, der mich dumm von der Seite anquatschen musste: „Ach, du kaufst deine Kekse auch hier? Wahnsinn! Und was machst du heute Abend noch so schönes?“ – „Kekse essen.“ Das ging mir irgendwann aber wirklich, wirklich auf den Keks. Nirgends konnte man allein sein; überall waren wachsame, hungrige Augen (jetzt bekomme ich auch noch Hunger!).
 
Dann zog es mich ins große, weite Amerika, in dem die Milchpackungen fünf Liter groß sind und die Parkplätze groß genug für meine nicht-vorhandene Yacht. In den Staaten erlebte ich das erste Mal ein nie zuvor bekanntes Gefühl der Freiheit, des Durchatmens, des lässigen Wellenreitens durch die Stadt.
 
Und nun bin ich hier. Mainhattan. Hier gibt es Apfelwein, aber keinen Winzerwein. Auch wenn ich aus Stadt raus fahre, dauert es lange, bis ich wieder Kühe oder Weinberge zu Gesicht bekomme. Hier ist mein Garten/Hinterhof mit Hasen und Raben übersäht, die sich wohl einvernehmlich Gutenacht sagen.
 
Dafür – und jetzt kommt die kristallklare Erleuchtung – ja, dafür nehme ich es nicht mehr so selbstverständlich, wenn ich mal wieder zuhause in der Pfalz bin. Ich muss noch lernen, richtig abzuschalten und das laute, hektische, tosende Leben – nicht nur geographisch – hinter mir zu lassen. Nur für einen Moment, für ein entspannendes Wochenende, an dem ich mir eine Auszeit nehmen kann und nicht mehr zwanghaft Wasser treten muss. In der Pfalz kann man mit seinen Gedanken angeln gehen und das hat sicher nicht nur mit dem Wein zu tun.
 
Wie gesagt, ich bin ein Dorfkind und bin es gewöhnt, dass das Gras tatsächlich grüner auf der anderen Seite ist. Mainhattan mag vielleicht nur eine Zwischenstation sein, denn es zieht mich immer wieder in die Natur und die Berge, egal ob aus Stein oder aus Wein.
 
Viele Grüße aus Hessen!

Eure Sarah

 

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