Kulturica | Von Hand geschrieben – über nostalgisches Briefeschreiben
 

Von Hand geschrieben – über nostalgisches Briefeschreiben

von Hand geschrieben

Von Hand geschrieben – über nostalgisches Briefeschreiben

Gemälde alter Meister zeigen nachdenkliche Personen beim Briefeschreiben, die Feder in der Hand, der flackernde Schein des Kamins im Rücken, den Kopf sinnierend in die Hand gestützt. Der Briefverkehr findet heute nur noch in Form von Rechnungen und Mahnungen statt. Eine besondere Entdeckung in einer alten Holztruhe weckte ganz spezielle Erinnerungen bei mir. Eine Kolumne über das Briefeschreiben.

 

Letztens habe ich eine Holzkiste in der hintersten Ecke meines alten Kinderzimmers gefunden. Der Staub tanzte fein im Sonnenlicht und hüpfte auf dem knarzigen Holz auf und ab. Neugierig und unwissend hob ich den Deckel, nichtsahnend, welch Welle der Erinnerung gleich auf mich einprasseln würde. Dicht an dicht reihten sich handgeschriebene Briefe und Postkarten, leicht vergilbt, alle an mich oder zumindest an verschiedene Versionen von mir adressiert: Sara, Sahra, Sarah, Sahrah. Ich las Absender, mit denen ich seit fünfzehn Jahren kein Wort mehr gesprochen hatte und sah meine Kindheit in teils kritzeliger, teils sorgfältig geschwungener, wenn auch kindlicher Handschrift vor mir. Die Briefe erzählten Geschichten von kleinen persönlichen Dramen, unwichtigen Erlebnissen, Familienkrach und kryptischen Anekdoten, die nach so langer Zeit keinen Sinn mehr ergaben. Ein Zettel trug den Zweizeiler: „Tut mir leid, dass ich letzte Woche deinen Brief in viele Teile zerrissen habe und ihn dir in einem Briefumschlag zurückgeschickt habe. Aber ich war echt sauer auf dich!“

 

Zwischen all der Nostalgie, uralten Geburtstagsglückwünschen von der längst verstorbenen Oma, vergilbten Kindheitserinnerungen und dem augenblicklichen Zurückbefördertwerden an jenen verregneten Freitag, an dem das Meerschweinchen nicht mehr hinter der Kommode hervorkommen wollte, musste ich innehalten.

 

Nostalgiekiste

 

Die Erinnerung an den Tag, an dem ich mich über den Brief der Freundin freute, nur um zerfetzte Schnipsel meines eigenen Briefes aus dem Umschlag zu schütteln, brachte mich zum Nachdenken:

 

Wenn ich jetzt eine E-Mail bekomme, die mir, wie damals meiner Sandkastenfreundin, ein Dorn im Auge ist, dann ist der theatralische Druck auf „E-Mail löschen“ längst nicht so befreiend und ausdrucksstark, wie einen zerrissenen Brief zurückzuschicken, denn der Absender merkt keinesfalls, ob seine E-Mail in den virtuellen Papierkorb befördert wurde. Seine Welt gerät nicht aus den Fugen, denn wahrscheinlich räumt er selbst regelmäßig sein Postfach aus. „Papierkorb permanent leeren?“ – „Ja.“ Mach doch, mir doch egal. Nur zu.

„Dann stürmt eine Armee der Großbuchstaben auf den Leser ein, bewaffnet mit Schwertern der Ausrufezeichen, laute Aufforderungen mit Dutzenden Fragezeichen auf ihren Bannern.“

Alle Internet-Briefe sehen zudem gleich aus: Eintönig, universal, Times New Roman, Schriftgröße 12. Schwarz auf weiß. Aussagen, auf die der Leser besonderen Wert legen soll, werden durch Fettgedrucktes hervorgehoben. Schonungslos wird des Lesers Auge gequält, wenn dann der Absender über das Ziel hinausschießt; wenn er Angst hat, nicht gehört bzw. überlesen zu werden; dann stürmt eine Armee der Großbuchstaben auf den Leser ein, bewaffnet mit Schwertern der Ausrufezeichen, laute Aufforderungen mit Dutzenden Fragezeichen auf ihren Bannern. Kopieren und Einfügen ist zudem eine gängige Strategie der Massenkommunikation.

 

In handgeschriebenen Briefen ist das ganz anders. Zwar wimmelt es auch da von Satzzeichen-Kriegern auf dem Papier, aber die Wirkung ist doch eine ganz andere. Da wird der Stift aufgedrückt, manchmal sogar so hart, dass ein Loch entsteht, Aussagen werden mehrfach unterstrichen, die Schrift verschmiert, falsche Wörter werden wild und stürmisch mit Kringeln und Kraxeln versucht, ungesehen und ungeschehen zu machen. Manchmal verwischt ein Wort, da eine Träne es ertränkt hat. Handgeschriebene Briefe erlauben eine ganz andere Möglichkeit, sich auszudrücken. Briefe sind fühlbar, sichtbar und sogar riechbar; sie wecken in uns nostalgische, melancholische Gefühle, die es aufzubewahren gilt. E-Mails sind nicht riechbar, es sei denn, der Computer brennt.

 

Im Kunstmuseum erinnern Gemälde alter Meister an die Zeitlosigkeit und Ästhetik des Briefeschreibens. Ich frage mich, ob in zwanzig Jahren Malereien einer Computertastatur ausgestellt werden, im kubistischen, expressionistischem Stil, mit vielen scharfen, schwarzen Kanten… Zwar ist das neue Jahr schon weit vorangeschritten, mit Kriegsgeschrei und wehenden, weißen Fahnen, aber dennoch versuche ich mir jetzt, das Briefeschreiben wieder vorzunehmen.
Hoffentlich bekomme ich keine Schnipsel zurückgeschickt.

2 Comments
  • Briefe zu schreiben gewinnt zunehmends an Bedeutung und befindet sich voll im Trend. Die Menschen wünschen sich wieder mehr Handwerkliches, Natürliches und Persönliches. Handschrift ist etwas Einzigartiges und Wertvolles, mit dem du Menschen berühren kannst.

    June 4, 2016 at 8:23 pm
  • Wow. I just love your way of writing. Thank you Sarah.
    Tom

    March 22, 2016 at 6:56 pm

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