Kulturica | Eine lange Spurensuche nach den amerikanischen Wurzeln
 

Eine lange Spurensuche nach den amerikanischen Wurzeln

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Eine lange Spurensuche nach den amerikanischen Wurzeln

Eine deutsche Frau wird nach dem Zweiten Weltkrieg von einem amerikanischen Soldaten schwanger und verheimlicht es vor ihrer Mutter. Jahrzehnte später macht sich die Tochter auf Spurensuche in Amerika, um ihren leiblichen Vater zu suchen. Ich habe mit Elke Weber gesprochen, von Expat zu Expat, und das hier ist ihre Geschichte.

 

Es beginnt alles mit einer Geschichte, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg gar nicht so unüblich war:
Eine junge Frau, Erika, flüchtet im Dezember 1944 nach einem schweren Bombenangriff auf Darmstadt in die Stadt Markt Bibart in Mittelfranken. Im Mai marschieren dort amerikanische Soldaten ein, die das Schloss Schwarzenberg im fränkischen Scheinfeld besetzen. Nach dem Krieg gehen Erika und ihre Schwester jeden Tag in der Nähe schwimmen, und es dauert nicht lange, bis sie auf die amerikanischen Soldaten aufmerksam werden, und umgekehrt. Die Schwestern werden von den Soldaten zu ausgelassenen Festen und Tänzen eingeladen und Erika verliebt sich in einen Soldaten. Knapp einen Monat später wird ihr Soldat versetzt, doch leider kann er ihr keine Auskunft geben, wohin er gehen wird. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als ihm nur noch Goodbye zu winken. Doch zwei Wochen später merkt sie, dass sie schwanger ist.

 

Aus Angst vor den Reaktionen der Mutter und der Großmutter macht sie sich auf den Weg zurück nach Darmstadt. Freundlicher und intimer Umgang zwischen Amerikanern und Deutschen ist in dieser Zeit verboten. Ihre Schwangerschaft kann Erika gut verheimlichen, da man es ihr lange Zeit einfach nicht ansieht. Erst im siebten Monat hört sie auf, auf Arbeit zu gehen und lässt ihre Schwester arbeiten, während sie sich Zuhause versteckt. 1946 kommt Elke zur Welt, doch Erika bringt sie sofort in ein Waisenhaus. Als Elke neun Monate alt ist, wird sie von einem Ehepaar adoptiert. In Deutschland herrscht zu dieser Zeit Chaos, und eine Adoption geht schnell und unkompliziert, ohne groß Dokumente und Unterschriften zu organisieren. Die Mutter besucht am Anfang noch die Pflegeeltern und bringt ihnen Zigaretten mit, im Austausch für Kartoffeln. Die einzige, die jemals von der Schwangerschaft erfährt, ist die Schwester der Oma, Martha.

 

Als Elke fünf Jahre alt ist, steht eines Tages eine große, ältere Frau mit schwarzen Haaren bei ihren Pflegeeltern vor der Tür. Sie ist die leibliche Großmutter, die mittlerweile davon erfahren hat, dass ihre Tochter Erika vor Jahren ein Kind bekommen hatte. Es wird veranlasst, dass die kleine Elke vom Cousin der Oma abgeholt wird. Das „eigene Fleisch und Blut“ wird mitgenommen, gegen Elkes Willen, die verständlicherweise verwirrt ist und die Welt nicht mehr versteht.

 

Elke erinnert sich: „Ich habe heute noch das Bild von dem zerbombten Darmstädter Bahnhof vor mir, keine Fenster mehr drin, und hier steht der fremde Mann und nimmt mich nun mit nach Pirmasens.“ Sie nimmt an, dass der fremde Mann ihr Onkel sei. Und weiter erzählt sie: „Im Zug hat der Onkel dann die Scheiben im Zug heruntergeschoben und hinausgerufen: „Herr Schaffner, gell, der Zug fährt auch wieder nach Darmstadt zurück?“ Dann wurde ich ganz ruhig und dachte, ich komme ja wieder zu meiner Mama und meinem Papa zurück. Leider war es nicht so.“

 

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Photo by Josh Nezon / unsplash.com

 

In Pirmasens angekommen, wird Elke von der jüngsten Schwester der Mutter, Edith, willkommen geheißen. „Das erste, was ich gemacht habe, als ich Edith sah, war, ihr eine herunterzuhauen. Warum, weiß ich nicht mehr“, erzählt mir Elke am Telefon. Von da an lebt sie bei den Großeltern, geht in Pirmasens zur Schule und lebt sich trotz anfänglicher Verwirrung schnell ein. Die Mutter Erika wohnt mittlerweile mit ihrem Ehemann – auch ein Amerikaner – in den Staaten, und besucht ihre Tochter zum ersten Mal, als diese bereits elf Jahre alt ist. Später macht Elke eine Lehre als Einzelhandelskauffrau in Pirmasens. In dieser Zeit zieht die Mutter mit ihrem amerikanischen Ehemann nach Griechenland, um dort zu arbeiten. Erika, immer wieder voller sprunghafter Ideen, beschließt 1963, dass ihre Tochter mit ihr in Griechenland leben soll. Sie hat es sich in den Kopf gesetzt, und keiner kann sie von ihrer Idee abbringen. Felsenfest von ihrem Vorhaben überzeugt, marschiert sie in die Kaufhalle, in der Elke gerade ihre Ausbildung macht. Die Mutter läuft schnurstracks zu Elkes Chef, und überzeugt ihn, dass Elke die Abschlussprüfung vier Monate früher als alle anderen macht. Trotz Stress und Zeitdruck besteht sie erfolgreich die Prüfung und geht mit ihrer Mutter nach Athen.

 

Da beide große, blonde Frauen sind, sind sie in Griechenland wohl recht begehrt und werden „regelrecht verfolgt“, wenn sie in Athen Einkaufen gehen. Aber es bleibt nicht bei sonnigen Urlaubsgefühlen: „Du darfst nicht mehr nach Deutschland zurück. Ich will, dass du hier bleibst“, eröffnet ihr die Mutter nach der Ankunft. Doch Elke, mittlerweile 17 Jahre alt, hat einen Freund in Deutschland, Walter, der bis heute ihr Ehemann ist. Sie hat nicht vor, in Griechenland bei der Frau zu leben, die behauptet, von Muttergefühlen überkommen zu sein. Sie fühlt keine Verbindung zu dieser ihr völlig fremden Frau und wird sie nie als Mutter akzeptieren. Sie spart sich neun Monate lang als Babysitterin Geld an, um wieder zurückkehren zu können. Doch für ein Flugticket nach Deutschland reicht es nicht, also bringt der Stiefvater sie zum Bahnhof: „Er hat mir gesagt, dass er mir ein Ticket für ein Schlaf-Abteil im Wagen kaufen würde, aber ich solle der Mutter nichts davon sagen, da sie sonst böse wird. Ich hab das abgelehnt und ihm erklärt, dass ich lieber das Geld hätte und im normalen Abteil fahren möchte. Ich habe also drei Tage im Zug mit Leuten gesessen, die hatten Hühner und was weiß ich dabei, das war so üblich in Griechenland. Ein Mann hat sich in der Nacht an meine Schulter gelehnt und geschlafen“, erinnert sie sich heute.

 

Endlich wieder mit ihrem Freund in Deutschland vereint, arbeiten beide in einer Maschinenbaufirma. Sie heiraten und haben eine gemeinsame Tochter, doch Elke denkt immer wieder an ihren leiblichen Vater. Der Wunsch, ihn zu finden, wird immer stärker. 1979 beginnt sie deshalb, jede Woche in der Frankfurter Allgemeine nach Stellenausschreibungen in den USA zu suchen. Sie stößt auf eine deutsche Firma in North Carolina und motiviert ihren Mann, sich dort zu bewerben. Die deutsche Frau des dortigen Chefs hat offenbar viel Heimweh, und als sich das deutsche Ehepaar bei ihm vorstellt und ihre Motivation, nach Amerika zu gehen, erklärt, ist er überzeugt: So schnell werden die beiden kein Heimweh bekommen und die Firma verlassen. Prompt werden beide eingestellt und ziehen nach North Carolina.

 

„Ich sage immer: Da ist eine Amerikanerin in mir.“

 

Die gemeinsame Tochter, Andrea, hat am Anfang Startschwierigkeiten, aber auch sie lebt sich schnell ein, wird Lehrerin für Englisch und Deutsch. Ab und an besucht Elke ihre Tante in München, und dort beichtet diese ihr, dass sie all die Jahre zumindest wusste, wie ihr leiblicher Vater heiße und wo er herkomme: Clyde Kelly, aus Indiana, 82nd Airborne. Elke startet noch einmal eine ausgiebige Suche, bekommt Hilfe vom Bürgermeister und der Organisation GI Trace, die darauf spezialisiert ist, sogenannte „Besatzungskinder“ mit ihren leiblichen, amerikanischen Vätern zusammen zu führen. Jahrelang sucht und recherchiert sie. Es stellt sich heraus, dass er bei der 1st Infantry Division war und nicht bei der Airborne. Doch die Spurensuche nach der Herkunft bleibt erfolglos. Der amerikanische Vater wird nie gefunden. Er erfährt nie, dass er eine deutsche Tochter hat.

 

Collage Elke Weber

Von links nach rechts: riesige Banyan Trees, Amerikanische Staatsbürgerschaft, die Stadt Savannah, Walter und Elke Weber. Fotos von © Elke Weber

 

Elke hat ihre eigene Mutter nie wirklich akzeptiert. Für sie bleiben ihre Pflegeeltern bis heute ihre Familie. Die Mutter lebte, so sagt Elke, „in Saus und Braus“, lebt glücklich mit ihrem amerikanischen Ehemann in allen möglichen Ländern, in Frankreich, Italien, Griechenland, USA. Der Kontakt ist spärlich, die Persönlichkeiten sind einfach zu unterschiedlich.

 

Der amerikanische Vater müsste mittlerweile bereits über neunzig Jahre alt sein. Ob er noch lebt, weiß niemand. Elke hat ihn nie gefunden. Seit 2001 sind Elke und Walter Weber amerikanische Staatsbürger und kehren einmal im Jahr nach Deutschland zurück. „Eine Geschichte ohne Happy End?“, frage ich sie. „Nein, keineswegs“, antwortet Elke. „Ich bin in den Vereinigten Staaten sehr glücklich. I think I was born to live in the States.“ Geboren, um in den USA zu leben. Sie hat ihre Memoiren aufgeschrieben, die bald auf Amazon unter dem Titel „Elke in search of her American Heritage“ zu erscheinen sind.

Links: Großeltern und Geschwister der Mutter. Rechts: Besuch der Mutter bei den Pflegeeltern. Fotos von ©Elke Weber

Links: Großeltern und Geschwister der Mutter. Rechts: Besuch der Mutter bei den Pflegeeltern.
Fotos von ©Elke Weber

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