Kulturica | Reif für die Insel
 

Reif für die Insel

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Reif für die Insel

Manchmal ist man einfach reif für die Insel, vor allem gegen Jahresende. Die letzten paar Hundert Tage haben ihre Spuren im Sand meines Kopfes hinterlassen, die Zeit robbt nur so dahin wie ein altes Walross, das schwerfällig darauf wartet, einen neuen Terminkalender anfangen zu können und die weißen, leeren Seiten mit Plänen, Ideen und gigantischen Visionen zu füllen. Und so wie das Walross aufs Meer blickt, bewappnet mit dem Kuli der Großen Erwartung in der Flosse, so beschloss auch ich, dem Ruf des Meeres zu folgen und ab auf die Insel zu gehen, um mich noch einmal restlos von der Rastlosigkeit des Jahres zu entspannen.

 

Die kleine Fähre schipperte auf Martha’s Vineyard zu, während die grauen Wellen gegen den Bug schwappten. Mir bisher nur aus Gilmore Girls als legendäres Urlaubsziel im Osten der USA bekannt, war ich ganz gespannt, welch Metamorphose ein schillerndes Sommerdomizil in grauem, nebeligen Schmuddelwetter erfuhr. Präsident Obama macht bekanntermaßen jährlich hier auf der Insel Urlaub, Meg Ryan, Bill Clinton, Reese Witherspoon und Jake Gyllenhaal gehen auch gerne an den Stränden spazieren. Doch Martha’s Vineyard – benannt nach der Tochter des britischen Entdeckers Bartholomew Gosnold in 1602, so sagt es zumindest die Legende – ist weder ein Ableger der berühmten Hamptons noch ein Ort für gierige Paparazzi. Während auf den Hamptons die Reichen und Schönen Hollywoods Champagner auf ihren Yachten trinken, so gilt auf ‚the Vineyard‘, wie die Insel oft schlicht genannt wird, ein stilles Einverständnis der Gemeinsamkeit und Privatssphäre. Man kuschelt sich auf kleinen Kutterbooten bei einem Bier zusammen oder bummelt durch die vielen liebevollen Boutiquen auf der Suche nach gelben Gummistiefeln mit persönlicher Namensbestickung. Und falls einem dann mal Lady Gaga begegnet, nickt man sich höflich zu und wünscht ein Frohes Neues. Ist mir persönlich zwar nicht passiert, aber man liest überall, dass die gastfreundschaftlichen rund 16.000 Inselbewohner (im Winter wohlbemerkt; im Sommer sind es gerne mal mehr als 100.000 Bewohner) bescheiden und freundlich mt Hinz und Kunz umgehen, auch wenn Hinz ein weltberühmter Filmstar ist.

 

Als die Fähre im Vineyard Haven anlegte, fand ich erst einmal Zuflucht vor dem Regen in der Black Dog Tavern. Nichtsahnend stolperte ich in eine rustikale, ur-gemütliche Piratenspelunke, als wäre die pixelige Scumm-Bar aus Monkey Island endlich Realität geworden. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Taverne den Namen eines Charakters aus dem Roman Die Schatzinsel bekam: Die Wände waren mit dunklem Holz vertäfelt, an denen Originalteile von alten Schiffen, Landkarten und schwarz-weiß-Fotos von Seemännern hingen. Mit Blick auf den Strand setzte ich mich ans Fenster, wärmte mich auf und bestellte meine heißgeliebten Süßkartoffelpommes und ein dunkles Bier (eine Gourmet-Bierliste folgt demnächst hier, denn die Deutschen können sich noch eine dicke, fette Scheibe von der amerikanischen Braukunst abschneiden). Im Laufe meines Aufenthaltes traf ich immer wieder auf „The Black Dog“-Schilder, die auf der ganzen Insel verstreut wurden – sei es nun an einem Dock am Hafen, vor einem Souvenir-Laden, einer Bäckerei, einem Café oder eben der Taverne. Berühmt-berüchtigt wurden die T-Shirts mit dem Logo des schwarzen Hundes in den 1990ern, als Bill Clinton beim Joggen fotografiert wurde und dabei solch ein Shirt trug. Monica Lewinsky bekam wohl auch Weihnachtsgeschenke von ihm geschenkt, die der gute Bill in einer Black-Dog-Boutique erstanden hatte. Jaja, das waren Zeiten.

 

Mitte Dezember ist vielleicht nicht die beste Zeit, um auf eine Insel zu reisen, die für ihre Sommer-Gemeinschaft, ihre Barbeques in Vorgärten, den blühenden Tourismus, ihre Star-Besuche und manches Mal sogar als Filmkulisse (Der Weiße Hai!) bekannt ist. Viele Restaurants und Boutiquen haben an ihren Türen Schildern mit der Botschaft „Danke für eine tolle Saison, wir sehen uns im Mai wieder!“ hängen. Aber es hat natürlich seinen ganz eigenen Reiz, die wenigen Pubs ausfindig machen zu müssen, die dem Dezemberwetter und abebbenden Tourismus strotzen. Gemütlich und ohne Störungen schlenderte ich durch die Gegend, ohne auf nervige Kinder oder Touristen, die sich ständig beklagen, ich würde ihnen durchs Bild laufen, zu treffen.

 

Martha's Vineyard Beach

Am Tag zuvor erhielt ich eine Email von der Hotel-Besitzerin Lory, dass sie zu der Zeit, wenn ich eigentlich einchecken wollte, leider nicht vor Ort sein könne, da sie ihre Tochter von der Schule abholen müsse. Ich solle aber in die Brauerei auf der anderen Seite der Straße gehen und meinen Schlüssel an der Bar abholen; damit könne ich dann einfach selbst das Nashua Hotel aufschließen. Ungewöhnlich war es ja schon, aber als ich in die Brauerei ging, wussten die Leute an der Bar sofort Bescheid und man bot mir ein frisch gebrautes, hausgemachtes Bier an, während ich darauf wartete, dass man mir meinen Schlüssel (der in einem Briefumschlag mit handgeschriebener Entschuldigung und Wifi-Passwort steckte) brachte. Es war erst 3 Uhr nachmittags, aber eine kleine Traube Stammgäste mit langen Bärten und Holzfällerhemden hatte sich bereits lachend und tratschend um die Theke versammelt. Man schaute mich mit großen, erwartungsvollen Augen an und ich versprach der Runde, abends wiederzukommen.

 

Das tat ich dann auch und ich war froh, überhaupt noch einen Platz in der Offshore Ale Co. zu bekommen. Es war so voll, dass man den Fußboden buchstäblich nicht mehr erkennen konnte, denn die Gäste warfen mit viel Genuss und Karacho ihre Erdnussschalen einfach auf den Boden. Und das ist meiner Meinung nach der Inbegriff Amerikas, dem Land der Freiheit, und es darf auf keinen Fall unterschätzt werden, welch weltbewegende Erfahrung es sein kann, rebellisch und mit großartiger Achtlosigkeit Dinge auf den Boden zu werfen. Es sei denn, man hat eine Erdnuss-Allergie, dann hat man natürlich ein Riesen-Problem, denn die Luft ist vom Erdnussgeruch geschwängert, der jedoch von einer frischen Brise aus herzhaftem Bier und Steak übertünscht wird.

Pastural Dreamer

 

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