Kulturica | Nur Fliegen ist schöner… Oder auch nicht.
 

Nur Fliegen ist schöner… Oder auch nicht.

zwei Flieger in der Luft

Nur Fliegen ist schöner… Oder auch nicht.

Im Zeitraum von anderthalb Jahren bin ich ganze sieben Male mit dem Flugzeug geflogen, nach Amerika und wieder zurück. Dabei hatte ich Zwischenstopps in Paris, Reykjavik und sogar Istanbul. Im Laufe der Zeit hat sich ein Sammelsurium an Eindrücken und Erfahrungen, aber auch an Insider-Tipps und kuriosen Fakten übers Fliegen angesammelt. Hier ein Einblick in das alltägliche Leben einer Vielfliegerin.

 

Anzeigetafel Flughafen

 

Meiner Meinung nach sind Flugzeuge wie Krankenhäuser: Das Essen kommt in viel zu kleinen Portionen zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten, die Menschen um mich herum schnarchen, husten oder blenden mich in der Dunkelheit mit ihren blöden Lesefunseln, die Decken und Kissen sind zu dünn und zu klein, der Müll stapelt sich auf dem Boden, es riecht nach Käsefüßen und Wanderstiefeln, und alles ist ein kleines bisschen zu eng. Es gibt keine perfekte Gebrauchsanweisung, um mit diesem Zwischenwelt-Chaos klarzukommen, aber immerhin einige selbst erprobte Tipps und Tricks, die jeden noch so langen Flug ein klein wenig vereinfachen:

 

Ein Platz an der Sonne:
Am Abend vor Abflug mache ich immer einen Online-Check-In. Dort kann man meist das Menü schon auswählen, sich vergewissern, ob man auch den richtigen Flug gebucht hat, und – ganz wichtig – den Sitzplatz auswählen. Je kürzer vor Abflug man den Check-In macht, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man eine komplett leere (mittlere) Sitzreihe findet. Irgendwie sitzt nämlich jeder gern dicht an dicht gestapelt aufeinander, wie eine Ameisenkolonne. Auf 11-stündigen Flügen brauche ich aber keinen Smalltalk-Sitznachbarn und keinen, der im Tiefschlaf auf meine Schulter sabbert. Bisher habe ich immer 1-3 Plätze neben mir frei gehabt, auf denen ich mich mehr oder weniger genüsslich ausbreiten konnte. Falls das mit der Online-Sitzauswahl nicht klappen sollte, dann schlage ich folgenden Trick vor: Im Flieger warte ich oft, bis alle Passagiere an Bord sind (man achte auf die Durchsage „boarding complete“). In Hab-Acht-Stellung springe ich auf, sobald ich sehe, dass alle an ihren Plätzen sind und und migriere zu einem Ort mit möglichst wenigen, grummeligen Passagieren, um mich in meinem freudigen, geräumigen Unsozial-sein zu suhlen. Noch ein Nerven schonender Tipp: Ich schaue immer, dass der Sitz hinter mir frei ist, denn Rückenlehnen-Rüttler gibt es überall. Nervig sind aber auch Vordermänner, wenn sie denn meinen, sich mit ihrer Lehne besonders zurücklehnen zu müssen, damit man seinen eigenen Klapptisch so richtig schön dicht unter der Nase hat. Also am besten dafür sorgen, dass möglichst alle Passagiere im großen Umkreis weit weg von einem sind.

 

Speis und Trank an Bord:
Einmal bin ich in einen Junggesellenabschied im Flieger geraten. Der Steward hat nicht aufgehört, uns ungefragt und umsonst Champagner nachzugießen. Noch besser ist natürlich ein Glas kühles Bier, denn das beruhigt den Magen, und macht im besten Fall schläfrig. Auf meinem Flug von Boston nach Frankfurt habe ich einmal nach der Bier-Auswahl gefragt, mit der erschreckenden Antwort „Wir haben Heineken oder Budweiser Light“. Mir klappte der Kiefer herunter, all meine Hoffnung auf einen halbwegs erträglichen Flug schwand dahin, und ich sah den Steward mit traurigen, müden Augen an. „Wahnsinn. Dann doch lieber eine Cola“, antwortete ich kläglich. Er sah mich einen Augenblick forschend an, dann deutete er mir mit einem Fingerzeig an, geduldig zu sein. Schnurstracks lief er den ganzen Weg bis zur Bordküche vor und kam nach einer Minute mit einer Bierdose in der Hand und einem fetten Grinsen im Gesicht zurück. „Schau, was ich gefunden habe!“ Strahlend drückte er mir ein Samuel Adams Boston Lager in die Hand. So schnell wird ein Mann zum Helden der Lüfte.
Also: Bloß keine Scheu haben und sich trauen, nach besseren Alternativen zu fragen! Vielleicht versteckt sich ja auch in anderen Fliegern ein geheimes Notlager für anspruchsvolle Passagiere mit gutem Geschmack. Und auch wenn das Essen im Flugzeug selbst oft aus den wildesten Kombinationen besteht, so schaue ich doch immer, dass ich alles auffuttere. Man weiß nie, wann die nächste Fütterung stattfindet. Reis mit Hähnchen ist meiner Erfahrung Standard, genau so wie Joghurt und der seltsamen Erfindung von Wasser aus versiegelten Mini-Plastikbechern.

 

Wer hat an der Uhr gedreht?
Viele sagen ja, Fliegen sei die schönste Form des Reisens. Mit Verlaub. Das ist, als sage man, Krankenhäuser seien die besseren Hotels. Von Boston oder New York nach Frankfurt findet man die günstigsten Flüge am Nachmittag, sodass man über Nacht fliegt. Das hat den Vorteil, dass man am Ankunftstag so richtig schön groggy ist und den ganzen Tag damit verschwendet, vergeblich Schlaf nachzuholen oder halbwegs wach zu bleiben.
Die Nacht durchzufliegen klingt am Anfang sehr logisch, wäre da nicht dieses Standard-Szenario:
Abflug Boston 19 Uhr. Abendessen 21 Uhr. Gegen 23 Uhr schlummert man so dahin, es sei denn, der Film auf dem kleinen Sitz-Bildschirm ist wirklich spannend. 23:30 Uhr: Die Stewardess klopft mir zaghaft auf die Schulter und fragt, ob ich einen Orangensaft oder ein Eis am Stiel will. Gegen 1 Uhr schlafe ich langsam ein, und baue das Kindergeschrei und Schnarchen der Passagiere in meine Dämmer-Träume ein. 1:30 Uhr: Die Sonne wirft ihr gleißendes Licht auf mein Gesicht, da manche nimmermüden Passagiere es nicht einsehen, die Rollläden herunterzuschieben. Gegen 2 Uhr geht das Kabinenlicht an, das Frühstück wird serviert. Drei Uhr landen wir, Ortszeit 9 Uhr früh.

Ich wandle durch den Frankfurter Flughafen, mein Kopf ist Matsch, meine Augen brennen, meine innere Uhr ist auf Mitten-in-der-Nacht eingestellt, meine Gedanken sind auf englisch. Und die nächsten 24-78 Stunden sehen für mich immer so aus, dass mein Körper schrecklich müde ist und es sich anfühlt, als laufe ich durch Wasser, das aus Marshmallows besteht. Aber der Kopf hat natürlich Informationsüberschuss und kann nicht abschalten. Bisher habe ich leider noch keine Geheimwaffe gegen Jetlag gefunden. Wer Ideen hat, meldet sich bitte bei mir!
Wahrscheinlich ist es doch am besten, etwas mehr Geld für ein Ticket auszugeben, dafür aber früh am Morgen aus Amerika loszufliegen. Dann hat man die deutsche Nacht, um wieder klarzukommen, und matscht nicht den ganzen Nachmittag wie ein Zombie durch die Heimat.
Ausblick aus dem Flugzeug
Für eilige Weltreisende – die Zusammenfassung (tl;dr): Vormittags losfliegen, Bier trinken, viel essen, Filme genießen, und alle Passagiere im weiten Umkreis von sich halten!

 

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