Kulturica | No Power, No Shower
 

No Power, No Shower

Winter Wonderland

No Power, No Shower

Gestern erlebte ich meinen ersten heftigen Schneesturm an der Ostküste Amerikas. Samt stundenlangem Ausfall von Strom, Heizung, Wasser, Internet und Handyempfang. Das bedeutet: kein Netflix, kein Kaffee, kein Zähneputzen; dafür Händewaschen mit Schnee. Eine kleine Tragödie an einem Freitag im Februar.

 

Heute Morgen stand ich auf und machte mir ausnahmesweise ein ausgiebiges Frühstück. Sonst tut es eher nur eine Tasse heißer, schwarzer Kaffee und ein Rosinen-Zimt-Bagel. Aber ich fühlte mich bereits früh am Morgen voller Tatendrank und nach 20 Minuten hatte ich warme English Muffins mit Ham & Eggs, Käse und Guacamole auf meinem Teller. Ich hatte eine lange, einschüchternde To-Do-Liste vor mir, die es abzuarbeiten galt. Kauend schlurfte ich erst einmal im Bademantel zum Fenster und öffnete die Gardine:

 

view from my window

 

Heftige, schwere Schneeflocken klatschten nur so achtlos vom Himmel. Alles war ein Mischmasch aus grau und weiß, wie in einem alten Filmklassiker. Wie ich so in meinen English Muffin biss, krachte es plötzlich laut, eine weiße Schneewolke stiebte auf, und ein großer Ast schlug mit vollem Karacho genau neben den Fußweg. Die Bäume begannen bereits, sich unter der Last der nassen, weißen Masse zu beugen und immer wieder stiebte der Schnee hoch, wie tumbleweed im Wilden Westen, nur schneller, schwerer und lauter. Ich machte ein paar Fotos und war gerade dabei, einer Freundin einen Snapchat zu schicken, als mein Internet versagte. Schnell merkte ich, dass so ziemlich alles, was das 21. Jahrhundert ausmachte, versagte: Das Licht ging aus, die Ölheizung wurde still, auf meinem Handy stand ‘kein Empfang’.

 

So ein Stromausfall zieht schon weite Kreise, wenn man mal genauer darüber nachdenkt: da wir eine Ölheizung haben, und diese mit einer Pumpe funktioniert, fiel schließlich die Heizung aus. Schritt für Schritt, Grad für Grad, sank die Temperatur. Ich lief zum Wasserhahn – auch da tat sich nix mehr, denn auch das Wasser wird elektrisch gepumpt. Alles versagte und ließ mich rücksitslos  im Stich. Und das für die nächsten fünf Stunden! Um das Essen im Kühlschrank musste ich mir jedenfalls keine Sorge machen, denn die Temperatur im Haus war bald auf mollig-warme 10 Grad gesunken. Also Decke her und alte Magazine rausgekramt. Immer wieder krachte Schnee aufs oder vom Dach.

 

Es ist schon erstaunlich, wie sehr man von Technologie und Strom abhängig ist. Wer hätte gedacht, dass Heizung und Wasser ebenfalls streiken würden? Ab und an ging doch einmal eine Nachricht von meinem Handy zu Freunden durch, und die Antworten waren oft dieselben: “Ist doch nicht schlimm, dann machst du es dir heute eben gemütlich. Am besten mit einer schönen Tasse heißen Tee.” Ähm…

 

In Amerika kauft man nicht wirklich Wasserflaschen, da man Wasser aus dem Wasserhahn filtert. Ich hatte also nur Milch und zuckersüßen Eistee da. Kurz überlegte ich, ob ich mit Milch Zähne putzen kann. Man kommt in der Not schon auf skurrile Ideen. Schnee zu schmelzen kam mir in den Sinn, aber ich war mir nicht sicher, ob man einen Topf mit Schnee einfach so auf den Herd stellen kann. Dann fiel mir wieder ein, dass wir ja keinen Strom hatten. No power, no shower.

 

Ich lief schließlich mit einem Kochtopf zum See, zerschlug das Eis und schöpfte Wasser für den, naja, Spülkasten. Es half alles nichts. Im Kühlschrank hatte ich noch zwei Eiswürfelbehälter, mit denen ich mir wenigstens die Hände waschen konnte. Gegen 14 Uhr bekam ich Hunger. In den Küchenschränken fand ich alles Mögliche an Essen: Pasta, Kartoffeln, Reis, Suppe, Haferflocken, Tee, Kaffee. All diese Dinge hatten eines gemeinsam: Sie erforderten Wasser und / oder Strom. Ich packte eine traurige Packung Butterkekse aus und belegte sie mit Brie-Käse. Die nächsten Stunden knabberte ich an Keksen und hoffte, mich nicht zu verschlucken, denn ich hätte mich bei niemandem theatralisch verabschieden können. Es wurde kälter und dunkler, drinnen wie draußen.

 

Fünf Stunden später flackerte meine Lichterkette freudig auf, die Heizung röchelte und endlich stieg warme Luft auf, Netflix und Spotify erwachten zum Leben! Der Tag war gerettet! Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn man einige Stunden lang gezwungen wird, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Man nimmt wieder ein Buch oder ein Magazin zur Hand, man genießt die Ruhe und die Aussicht, man zeichnet und denkt über Briefe, sich selbst und neue Blog-Einträge nach. Die To-Do-Liste läuft ja leider nicht weg und wird mich auch am nächsten Tag wieder freudig und einschüchternd anstrahlen.

 

Samstag Morgen hatten wir blöderweise immer noch kein Wasser, also setzten wir uns ins Auto – das wir natürlich erst einmal eine halbe Stunde lang freischaufeln mussten – und fuhren zum Brunch mit Freunden. Dort hatte ich drei Tassen Kaffee, warme Pancakes (mit Zimt, Schokoladenstücken, Banane und Pekannüssen! Amerika macht, was Frühstück angeht, wirklich alles richtig!) und konnte mir die Hände waschen. Als ich nach Hause kam, hatte der Vermieter die Wasserpumpe repariert! Ich fühlte mich wieder wie ein zivilisierter, erwachsener, funktionierender Mensch. In unserer hektischen, mit Internet und Technologie überladenen Zeit tut manchem so ein kleiner Stromausfall eigentlich mal ganz gut. Aber dass man auf Kaffee verzichten, das geht nun wirklich zu weit!

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