Kulturica | Ein etwas seltsames Gespräch auf dem Empire State Building
 

Ein etwas seltsames Gespräch auf dem Empire State Building

New York City Skyline

Ein etwas seltsames Gespräch auf dem Empire State Building

Es war an einem kühlen, noch leicht verschlafenen Montag-Nachmittag im Dezember, als ich in New York City stand und den Nacken ästhetisch verrenkte. Ich versuchte, die 443 Meter hohe Antennenspitze des berühmtesten Wolkenkratzer der Welt zu sehen, doch, obschon mein Kopf manches Mal in den Wolken steckte, gelang es mir nicht, die Spitze des Empire State Buildings zu erkennen. Das ehemals höchste Gebäude der Welt, sowie der erste Wolkenkratzer mit über einhundert Stockwerken, ragte in stattlichem Art Déco-Stil vor meiner Nase empor, und ich hätte schwören können, dass es sanft und freundlich im Wind hin und her wehte.

 

Leicht benommen stand ich in der Lobby und nahm ziemlich gelassen hin, dass mir zwei Stunden kostbare und erleuchtende Warterei zum Schnäppchenpreis angeboten wurden. Nach einer visionären, überaus produktiven Ewigkeit, geprägt durch Schlangestehen und Sicherheitskontrolle, erreichte ich endlich die Aussichtsplattform, auf der sich in luftig-windiger Höhe eine feine Anzahl fotografierwütiger, enthusiastischer Touristen tümmelte.

 

Zur guten Mr. Gatsy-Zeit war der Ansturm sicherlich nicht so ausgedehnt wie ein zäher Marshmallow, aber dem bekanntlich geduldigsten Mann aller Zeiten (schließlich wartete Gatsby fünf Jahre lang auf seine nervenraubende Schnepfe Daisy) wäre es heute sicherlich auch auf den Keks gegangen, hätte er mit schlechtem Internetempfang in schwindelerregender Höhe warten müssen, bis ein Selfiestick-benutzender Touri endlich einen Platz am Geländer der Aussichtsplattform freimachte.

 

Es ging zu wie im Taubenschlag und ich hastete zu einem freien Platz und genoss ausgiebig die Aussicht, die sich zu meinen Füßen bot: Unter mir schwirrten gelbe Taxen durch das Labyrinth der Manhattaner Straßen wie ferngesteuerte Bienen, die bunten Werbeschilder auf dem Times Square blinkten in Regenbogenfarben, Manhattan war laut, bunt, gewaltig, und emsig, wie eine leicht angetrunkene Ameisenarmee.

In all dem Gewimmel unter mir und um mich herum, hörte ich auf einmal eine rauchige, tiefe Stimme, die seufzend die vielen Touristen bemitleidete. “Wie damals im Taubenschlag”, sagte er, „nur waren wir damals zivilisierter.“ Eine zweite, leicht piepsige Stimme pflichtete ihm altklug und etwas sarkastisch bei. “Schau sie dir nur an, guter Paul, Liebster, diese Menschen mit ihren platten Füßen und viel zu nah beieinander stehenden Augen. Und die Frisuren erst, unglaublich, als hätten die keinen Spiegel zuhause! Da sträuben sich mir die Federn!” Ich blickte um mich und sah zwei pummelige, ergraute, leicht pikierte Tauben, die wohl nichts besseres zu tun hatten, als sich über die Selfie-Touris lustig zu machen, während sie hochschnabelig den Kopf reckten, um selbst auf Fotos von ihrer Schokoladenseite abgelichtet zu werden.

 

Ich warf dem alten Paul einen zurecht genervten Blick zu, und er hob eine unsichtbare Augenbraue und zuckte die Flügel. „Das sind mir die Richtigen“, murmelte ich, während seine Gattin, die er mir als Emma vorstellte, sich aufplusterte. „Solange ich auf Instagram lande“, empörte sie sich mit piepsig-hüstelndem Stimmchen, „und ich weiterhin als Wahrzeichen New Yorks getagged werde, darf ich ja wohl noch meine Meinung als laute, nicht-taube Brieftaube kund geben! Schau sie dir an, diese Urlauber, wie sie sich abmühen und lachend versuchen, möglichst jeden Winkel New Yorks festzuhalten. Lä-cher-lich! Be-mit-lei-dens-wert sag ich da nur!“

Brieftaube auf dem Empire State Building

„Sie sind wirklich eine sehr rhetorisch gewandte Turteltaube, wie eine rostige Kühlerhaube, oder eine morsche Gartenlaube, eine nützliche Daumenschraube, oder eine saure Weintraube. Aber im Gegensatz zu Ihnen bin ich nicht auf diesen einen Flecken hier oben angewiesen, um Fotos zu schießen oder gesehen zu werden, was Ihnen offenbar ja ach so wichtig ist. Ich schmücke mich nicht mit fremden Federn, denn die Feder ist mächtiger als das Schwert… jetzt habe ich mich hinreißen lassen und ganz vergessen, was ich sagen wollte. Ich muss schon zugeben, dass mich die Unterhaltung mit Ihnen etwas verwirrt. Ich werde noch ein paar Fotos von der Aussicht und von Paul machen, wenn es Sie nicht stört, und dann gehe ich wieder meiner Wege.“

 

“Wie damals im Taubenschlag”, murmelte Paul schläfrig und lächelte ein letztes Mal angestrengt, als ich ein Foto von ihm, natürlich ohne Selfie-Stick, schoss.

 

So ist das Leben hier in New York, dachte ich mir. Man steht ewig für Attraktionen an, macht Fotos, erlebt Unglaubliches und dann begegnet man arroganten Turteltauben. Typisch.

 

taubenschlag

 

 

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