Kulturica | Alte Jungs
 

Alte Jungs

Train tracks

Alte Jungs

Gastautor: Şafak Sarıçiçek, Jurastudent an der Universität Heidelberg, Mitbegründer des Literaturtreffs echolot.heidelberg und Redakteur bei der Studentischen Zeitschrift für Rechtswissenschaft Heidelberg ( StudZR).

 

Er musste eines Abends nach Ingolstadt. Er wusste nicht warum. Im Taxi sprach er den Fahrer an: „Kennen Sie das Gefühl einen Namen zu hören und die verrücktesten Gedanken damit zu verbinden?“
Der zuckte mit den Achseln: „Wie meinen Sie das?“
„Ich kenne Sie nicht, aber Sie scheinen mir ein Mann von Welt zu sein. Darum frage ich Sie: Als Kinder fuhren wir mit meinen Eltern jede Woche an einem bewaldeten Hügel vorbei, auf dem ein großes rotes Schild mit der Aufschrift SKENDER 2 stand. Mir war das damals ein Mysterium. Wer ist Skender 2? Welche Abenteuer und Schauergestalten lauern auf dem Hügel?“
Der Taxifahrer beäugte den Beifahrer, während er nach rechts bog. Dieser fuhr wild gestikulierend fort: „Und ich glaube, es wieder gefunden zu haben, dieses Gefühl meiner Kindheit! Vielleicht halten sie mich für verrückt, aber mir ist heute klar, wegfahren zu müssen…“
„12 Euro macht das.“
Er zahlte, verabschiedete sich und eilte zum Bahnhof. Weil es bereits spät war, herrschte kaum Betrieb in den Bahnhofshallen. Ein nach Urin riechender Betrunkener klopfte ihm auf die Schulter und brüllte: „ Alle Buden Schluss gemacht!“ Er tat, als ob er dies nicht fasste, lachte und brüllte ebenfalls: „Was? Wirklich?!“ Merkwürdig förmlich sagte er dann „Gute Nacht“ zu dem Betrunkenen und lief in Richtung seines Gleises, obwohl die Bahn noch länger brauchte und dort Eiseskälte herrschte.

 

 

„So fühlt sich eine alte Seele an, dachte er.“

 

In dem Nachtzug versuchte er zu schlafen, was ihm aber nicht gelang, da sein Arm wieder und wieder von Vorüberlaufenden gestreift wurde. Zwar war er sich bewusst, in einem Zug nach Ingolstadt zu sein und gegenüber von einem auffallend farbig gekleideten Mann zu sitzen, aber er war seltsam schwerelos, wie eine Marionette mit gekappten Fäden. So fühlt sich eine alte Seele an, dachte er. Und dabei bin ich ja noch nicht mal mit dem Studium fertig!

 

Das schrille Pfeifen des Nachtzugs unterbrach seinen müßigen Gedankengang. „Aufgrund des vor uns befindlichen Zuges unterbrechen wir die Fahrt kurzzeitig. Entschuldigen Sie die Unannehmlichkeit“, tröpfelte es danach beschwichtigend aus den Lautsprechern. Sein Blick fiel nach draußen. Inzwischen war es neblig, fast so, als hätte jemand die Scheiben der Bahn wissentlich mit einem Plastikfilm überzogen. Fünf Jugendliche saßen draußen in einem Halbkreis neben einer Mülltonne. Die Blicke vierer von ihnen waren matt, die Köpfe hingen herunter, einer blickte stumm auf sein Handy. Lediglich ein Mädchen, mit Leggings und ohne Jacke, vollzog beinahe schon ekstatisch Tanzbewegungen, nur um innezuhalten, ganz still zu stehen und plötzlich wieder anzufangen.

 

Er saß drinnen im Zug und sah die Gruppe an. Auch die sind alt, fuhr es ihm durch den Kopf. Das Mädchen vielleicht nicht. Nein, aber ihre Lebendigkeit ist befremdlich… Kurz vor 20 Uhr kam er in Ingolstadt an. Seine Blase drückte und er suchte nach einer Toilette. Auf einem Schild stand WC IM PARKHAUS. Um sich noch einmal zu vergewissern, wollte er den Wächter fragen. Dieser schien allerdings in einem Gespräch verwickelt zu sein. Ein rundlicher Alter mit weißem Hemd und beinahe schon feuerrotem Gesicht sprach auf ihn ein. Er gluckste und prustete beim Reden. Sein Bauch war eine kugelförmige Erhebung und trug zur allgemeinen Rundlichkeit bei. „Icke komme aus dem Osten“,prustete der Alte, als er den Hinzukommenden sah. Seine Augen sprühten ein wildes Feuer aus und sein Mund bewegte sich in einer fließend hypnotischen Weise. Man hätte diesen Alten genausogut in einer sturmdurchpeitschten Seenacht trunken in einer modrigen Kajüte vorfinden können, so verwegen war sein Erscheinen. Er reise bereits seit mehr als 30 Jahren mit seiner Freundin in seinem eigenen Wohnwagen durch das Land, teilte er dem gleichsam betagten, quadratisch bebrillten Parkwächter und dem Neuen mit. In jeder Raststätte kenne man ihn. Er sei sein Leben lang Zugschaffner gewesen, querfeldein durchs Land gefahren. Nun entpuppte sich auch der Wächter als ehemaliger Schaffner. „Ohooo! Ein Kollege“, gluckste der schlohweißbärtige Alte und umarmte den verdutzten, wenn auch freudigen Wächter fest. „Nun muss ich aber weiterreisen! Ich bedanke mich, bedanke mich. Meine Freundin wartet!“

 

Dem Dritten schüttelte er kräftig die Hand und verbeugte sich mit Tränen der Freude. „So lange hätten Sie für den Weg zur Toilette doch nicht warten müssen“, lachte der Wächter. „Doch“ meinte sein Gegenüber, noch überwältigt von dem Eindruck dieses wilden Alten. „Er hat mir Skender 2 wiedergegeben!“ Auch er umarmte den nun vollends verwirrten Mann in einem Moment der Gerührtheit und lief endlich zur Toilette.

 

von Şafak Sarıçiçek

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